Feuer aus allen
Rohren: 13:0 in Bad Wildungen
Die Handvoll KSV-Fans,
die sich selbst das Freundschaftsspiel ihrer
Mannschaft in Bad Wildungen, gegen den „Hoflieferanten”
des Kasseler Klubs nicht entgehen lassen
wollten, wurden mit reichem Torsegen belohnt.
Mit Galgenhumor meinte einer der Wildunger
Sekunden vor dem Schlußpfiff, nachdem
Nummer 13 im Tor der Badestädter eingeschlagen
hatte: Bei der Zahl braucht man nicht abergläubisch
zu sein, um vorherzusagen, daß wir
heute 'ne böse Packung beziehen!
Nun, diese Packung umhüllte
einen guten Kern: auf, Kasseler Seite -
mit den beiden Wildungern Alfred Resenberg
und Ernst Martin - wollte man dem tapferen,
vorbildlich fairen Gegner nicht wehtun,
aber wenn's mal so läuft, dann macht
das Spielen, Tricksen und Schießen
halt eben Spaß. Der in der A-Klasse
Waldeck souverän führende VfL
Bad Wildungen hatte sich wohl doch ein wenig
zu viel zugemutet, als er die Hessen ins
wunderschön gelegene, gepflegte Stadion
zum Freundschaftsspiel einlud. Denn tags
zuvor hatte man in Rattlar mit einem 4:2
Sieg und Punkte ergattert und die Führungsposition
ausgebaut. Eine halbe Stunde hielten die
Rotschwarzen dann auch munter mit, und das
0:2 zu diesem Zeitpunkt durch zwei prächtige
Tore von Gerstner ermutigte Wildungens Trainer
Quadt zu dem Ausspruch: Wir müssen
nur aufpassen, daß es nicht zweistellig
wird."
Diese Hoffnung schien
eher „untertrieben”, denn außer
Gerstner fand zunächst keiner der KSVer
das Ziel. Kastl drängte zu früh
nach innen, und Grau war auf der anderen
Seite bei Hecker in guten Händen. Bei
den sporadischen Gegenstößen
mußte sich Guth einmal gewaltig strecken,
um dem leichtgewichtigen und leichtfüßigen
Blackert den Ball vom Schußfuß
zu klauben.
Doch nach einer halben
Stunde rief Trainer Quadt immer öfter,
aber vergeblich nach Verstärkung, wenn
die Sturmwellen anbrandeten. Die Mittelfeldspieler
waren überfordert, und da sie die Abwehr
nicht mehr in der erforderlichen Weise unterstützen
konnten, wankte das Deckungsgefüge
vor dem schnell reagierenden, aber in der
Beherrschung seines Strafraumes noch verbesserungsbedürftigen
Wörmann immer stärker. Ein genau
in den oberen Torwinkel placierter Schrägschuß
Weilands und ein Treffer Adlers ergaben
den Halbzeitstand. Adler und Grau hatten
in diesen ersten 45 Minuten noch je einen
Schuß an die Torbalken gezimmert.
Mit fünf „neuen”
Leuten kamen die Hessen in die zweite Halbzeit,
und diese Neuen brannten vor Ehrgeiz und
sprühten vor Spiellaune. Volker Beyer
schoß das 5:0 und 6:0, und der besonders
spielfreudige Mita Radovic bombte Nummer
7 in den Torwinkel. Dann folgte ein Schuß
von Ernst Martin, der „a la Wembley
1966”, der von der Unterkante der
Latte auf die Linie und aus dem Tor heraussprang.
„Bonanza” Wörmann stand
jetzt minutenlang einem wahren Scheibenschießen
der Hessen gegenüber. Wildungens Senior
und Abwehr-Organisator Beyer wurde wieder
in die Abwehr eingebaut, aber alle Dämme
brachen bei dieser Flut von Angriffen. Nun
wurde aus dem KSV-„Spielchen",
das zuvor der Eröffnung von Schußmöglichkeiten
gedient hatte, oft Selbstzweck. Der Spaß
am Vergnügen verführte zu engen,
allzu engen Ballpassagen, und da jeder nach
dem Motto „Wer will noch mal, wer
hat noch nicht” auf das Tor knallen
wollte, verlor das Spiel ein bißchen
an Ernsthaftigkeit und Linie. Rabenecks
ungewöhnlich harter Schrägschuß
leitete dann aber die letzten 20 Minuten
ein, die noch Treffer durch Gerstner, Radovic,
Künkel, Martin (Kopfball-Torpedo nach
wunderschöner Vorarbeit von Radovic)
und Gerstner brachten.
Gern hätten Resenberg
u. Co. den bis zum Schluß überaus
sportlichen und fairen Wildungern die Chance
zum verdienten Ehrentor gelassen, aber bei
den vereinzelten Gegenstößen
fehlte es den sehr jungen Badestädtern
- mit dem Spiel des Vortages in den müden
Knochen - an Kraft und Konzentration, um
das Werk zu vollenden.
Fast unbemerkt schied
kurz vor Schluß Uwe Habedank mit einer
Fußprellung aus. Hoffentlich ist der
Schaden bald behoben. Selbst mit 13 Toren
wäre sein Ausfall zu teuer bezahlt!
Herbert Peiler (HNA-Sportredaktion,
12.10.1970)