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<<< 37. Spieltag
Regionalliga Süd, Saison 1970/71, 38. Spieltag

Stuttgarter Kickers - KSV Hessen Kassel

0:5 (0:0)

Mittwoch, 19.05.1971
Degerloch Stuttgart

Stuttgarter Kickers
KSV Hessen Kassel
Rolf Gerstenlauer
Peter Schäffler
Hans Rigotti
Roland Kimmerle
Horst Schairer
Helmut Fürther
Erich Schmeil
Uli Frommer
Ludwig Bründl
Rainer Potschak
Erich Weixler (61. Siegfried Böhringer)
Trainer: Georg Wurzer
Spielstatistik
Tore: 0:1 Habedank (51.), 0:2 Kastl (55.), 0:3 Maciossek (82.), 0:4 Kastl (85.), 0:5 Künkel (89.) - Schiedsrichter: Tschenscher (Mannheim) - Zuschauer: 4.000
Spielbericht

KSV 5:0! Aber Karlsruhe mit 1:0 in der Aufstiegsrunde

Ende gut, nicht alles gut! Der KSV Hessen brachte das Kunststück fertig, am Mittwochabend in Degerloch die nach dem Umzug vom Neckarstadion auf den vereinseigenen Platz unbesiegten und ohne jeden Verlustpunkt gebliebenen Stuttgarter Kickers mit 5:0 (0:0) zu schlagen. Die Hessen hatten aber das Pech, daß der Karlsruher SC sein letztes Spiel gegen den ESV Ingolstadt mit 1:0 (1:0) gewann und sich damit als Tabellenzweiter ins Ziel rettete. So knapp verfehlte die Kasseler Mannschaft die Aufstiegsrunde zur Bundesliga!

Es nützt nichts mehr, nach den „verschenkten” Punkten zu suchen. War es die 2:3-Niederlage ohne Maciossek und Grau, drei Tage nach dem kraftraubenden Pokal-Wiederholungsspiel, die der KSV Ende des Jahres 1970 in Aschaffenburg kassierte? Waren es die beiden Remis gegen Ingolstadt und VfR Mannheim im heimischen Auestadion? War es jeweils der eine Punkt, der drei Minuten vor Schluß in Karlsruhe und in München gegen 1860 flöten ging und nun fehlt?

Man muß sich darüber im klaren sein, daß es so „leicht” in den nächsten Jahren gewiß nicht wieder werden wird, man muß aber auch darauf vertrauen, daß die Mannschaft, die in ihrem Kern zusammenbleibt, im nächsten Jahr auch auswärts jene Stabilität beweisen wird, die sie in den letzten Wochen hatte: 2:1 in Fürth, 4:2 in Schweinfurt und 5:0 inStuttgart - das sind imponierende Zahlen, auch wenn das 0:2 in Freiburg am vorletzten Spieltag nicht so recht dahineinpassen will! Mit einer besseren Auswärtsbilanz müßte sie auch in der kommenden Saison ein Wort mitreden.

Trainer Heinz Baas, der den Zylinder nehmen mußte, weil er einfach in Kassel beim Publikum „nicht ankam”, konnte sich keinen besseren Abgang wünschen. Bei Halbzeit sah es noch nicht so aus, als ob
die Hessen ihren Gegner völlig demontieren würden. Man lieferte sich ein nettes, mit technischen Raffinessen gewürztes Spielehen, in dem die Rollen verteilt waren und die Kickers die besseren Chancen hatten. „Nun macht mal ernst”, ermunterte Heinz Baas seine Männer in der Kabine. „Spielt lange Bälle, macht Dampf auf!”

Nun zeigte sich, daß die Hessen vor allem im Mittelfeld ein deutliches Übergewicht hatten. Solange das Spiel vor der Pause ausgeglichen war, trat dieses Übergewicht nicht zutage. Als die Hessen aber stürmten, erwies sich, daß Habedank stärker war als sein Gegenspieler Fürther, dem eine Deckungsaufgabe nicht liegt. Und Weiland, der eine großartige Partie lieferte, schaltete nicht nur Potschak aus, er zog auch seine Kreise ungestört, weil Potschak nicht soviel Puste und Einsatzbereitschaft hatte wie der kleine Kasseler, der mit seinen langen Pässen mehr noch als Adler seine eigenen Sturmspitzen erreichte. Adler wiederum hatte glänzende Szenen im Kopfballspiel.

Vorn aber standen mit Grau und Martin die herausragenden Kräfte auf den Flügeln. Grau versetzte Schäffler ein um das andere Mal, und Martin zeigte selbst auf engstem Raum verblüffende Dinge, die Schairer auf die Nerven gingen. Maciossek trat da - zur Überraschung der 4000 Stuttgarter Zuschauer - weniger hervor als die Flügelleute.

Brück spielte einen sehr offensiven Libero. VfB-Trainer Branco Zebec und „Späher” des Bundesligaklubs waren seinetwegen gekommen. Das interessante Urteil Zebecs: „Ein sehr guter Spieler, aber er steht nicht auf dem richtigen Platz. Jedenfalls ist er nicht der Typ des Liberos, den wir suchen.” Brück machte den Kickers mit seinen Vorstößen das Leben ebenso sauer wie Kastl, der zweifache Torschütze, und selbst der junge Rabeneck, der in der zweiten Halbzeit oft mit nach vorn stieß. Resenberg, Typ eines „eckigen” und kampfstarken Vorstoppers, ließ Bubi Bründl keinen Meter Spielraum und ließ den Torschützenkönig zum Schluß der Saison leer ausgehen und in seinem Abschiedsspiel schlecht aussehen.

Diese Kasseler Mannschaft hat in der zweiten Halbzeit überzeugt und begeistert. Sie spielte modernen Fußball. Dle Stuttgarter Elf ist ein Rätsel: sie gewinnt in Ingolstadt 6:0, verliert zuhause gegen Kassel 5:0, schlägt den 1. FC Nürnberg mit 4:0 und gibt gegen Wacker München drei Punkte ab. Die Kickers können nur spielen, wenn die Sonne scheint, was symbolisch gemeint ist. Geht etwas schief, haben sie nicht die Moral, sich am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf herauszuziehen.

Vor der Pause hatten die Kasseler zweimal Glück: in der 36. Minute, als der fehlerfreie, glänzend reagierende Birkhölzer einen Schuß von Schmeil im Reflex an die Unterkante der Latte lenkte, von wo das Leder ins Feld zurücksprang, dann vier Minuten vor Halbzeit, als Potschak nach einem Dribbling genau die Stelle traf, wo Querlatte und Pfosten sich vereinigen. Die einzige Kasseler Chance hatte Gerstenlauer schon in der 10. Minute zunichte gemacht, als er dem allein anstilrmenden Martin entgegenging und abwehrte.

Die Kasseler Trefferserie begann in der 51. Minute nach einem Doppelpaß von Weiland und Habedank. Gerstenlauer wehrte Weilands Schuß ab, Libero Kimmerle versäumte einzugreifen, und Habedank nutzte dies entschlossen zum Führungstor. Mit einem klassischen Konter schafften die Hessen das 2:0 in der 55. Minute: Kastl, noch schneller als der schnellste Stuttgarter, nämlich sein Gegenspieler Frommer, fing an der Mittellinie eine lange Vorlage an diesen ab, stürmte unaufhaltsam davon und schoß ganz überraschend vom Strafraumwinkel. Genau in der langen Ecke schlug der Ball unhaltbar ein. Dann ging es weiter Schlag auf Schlag: Lattenschuß von Brück. Kopfball von Adler an die Querlatte, zweimalige Rettungsaktion von Gerstenlauer im Herauslaufen gegen den flinken Grau, der dabei verletzt wurde und gegen Künkel ausgetauscht werden mußte. Dann als letztes Aufbäumen der Kickers ein Freistoß von Böhringer an die Querlatte und anschließend völlige Auflösung bei den Platzherren.

Ständig in Überzahl angreifend fanden die Hessen kaum mehr ernsthaften Widerstand. Maciossek kurvte von rechts auf das Tor zu und schoß placiert zum 3:0 ein, Kastl schoß nach erneutem Sturmlauf von links das vierte Tor, und schließlich traf Künkel mit einem unhaltbaren Schuß ins Netz und sorgte damit für den Endstand. Die letzten drei Tore fielen zwischen der 82. und 89. Minute!

HNA-Sportredaktion, 21.05.1971