KSV
5:0! Aber Karlsruhe mit 1:0 in der Aufstiegsrunde
Ende gut,
nicht alles gut! Der KSV Hessen brachte
das Kunststück fertig, am Mittwochabend
in Degerloch die nach dem Umzug vom Neckarstadion
auf den vereinseigenen Platz unbesiegten
und ohne jeden Verlustpunkt gebliebenen
Stuttgarter Kickers mit 5:0 (0:0) zu schlagen.
Die Hessen hatten aber das Pech, daß
der Karlsruher SC sein letztes Spiel gegen
den ESV Ingolstadt mit 1:0 (1:0) gewann
und sich damit als Tabellenzweiter ins Ziel
rettete. So knapp verfehlte die Kasseler
Mannschaft die Aufstiegsrunde zur Bundesliga!
Es nützt nichts mehr,
nach den „verschenkten” Punkten
zu suchen. War es die 2:3-Niederlage ohne
Maciossek und Grau, drei Tage nach dem kraftraubenden
Pokal-Wiederholungsspiel, die der KSV Ende
des Jahres 1970 in Aschaffenburg kassierte?
Waren es die beiden Remis gegen Ingolstadt
und VfR Mannheim im heimischen Auestadion?
War es jeweils der eine Punkt, der drei
Minuten vor Schluß in Karlsruhe und
in München gegen 1860 flöten ging
und nun fehlt?
Man muß sich darüber
im klaren sein, daß es so „leicht”
in den nächsten Jahren gewiß
nicht wieder werden wird, man muß
aber auch darauf vertrauen, daß die
Mannschaft, die in ihrem Kern zusammenbleibt,
im nächsten Jahr auch auswärts
jene Stabilität beweisen wird, die
sie in den letzten Wochen hatte: 2:1 in
Fürth, 4:2 in Schweinfurt und 5:0 inStuttgart
- das sind imponierende Zahlen, auch wenn
das 0:2 in Freiburg am vorletzten Spieltag
nicht so recht dahineinpassen will! Mit
einer besseren Auswärtsbilanz müßte
sie auch in der kommenden Saison ein Wort
mitreden.
Trainer Heinz Baas, der
den Zylinder nehmen mußte, weil er
einfach in Kassel beim Publikum „nicht
ankam”, konnte sich keinen besseren
Abgang wünschen. Bei Halbzeit sah es
noch nicht so aus, als ob
die Hessen ihren Gegner völlig demontieren
würden. Man lieferte sich ein nettes,
mit technischen Raffinessen gewürztes
Spielehen, in dem die Rollen verteilt waren
und die Kickers die besseren Chancen hatten.
„Nun macht mal ernst”, ermunterte
Heinz Baas seine Männer in der Kabine.
„Spielt lange Bälle, macht Dampf
auf!”
Nun zeigte sich, daß
die Hessen vor allem im Mittelfeld ein deutliches
Übergewicht hatten. Solange das Spiel
vor der Pause ausgeglichen war, trat dieses
Übergewicht nicht zutage. Als die Hessen
aber stürmten, erwies sich, daß
Habedank stärker war als sein Gegenspieler
Fürther, dem eine Deckungsaufgabe nicht
liegt. Und Weiland, der eine großartige
Partie lieferte, schaltete nicht nur Potschak
aus, er zog auch seine Kreise ungestört,
weil Potschak nicht soviel Puste und Einsatzbereitschaft
hatte wie der kleine Kasseler, der mit seinen
langen Pässen mehr noch als Adler seine
eigenen Sturmspitzen erreichte. Adler wiederum
hatte glänzende Szenen im Kopfballspiel.
Vorn aber standen mit
Grau und Martin die herausragenden Kräfte
auf den Flügeln. Grau versetzte Schäffler
ein um das andere Mal, und Martin zeigte
selbst auf engstem Raum verblüffende
Dinge, die Schairer auf die Nerven gingen.
Maciossek trat da - zur Überraschung
der 4000 Stuttgarter Zuschauer - weniger
hervor als die Flügelleute.
Brück spielte einen
sehr offensiven Libero. VfB-Trainer Branco
Zebec und „Späher” des
Bundesligaklubs waren seinetwegen gekommen.
Das interessante Urteil Zebecs: „Ein
sehr guter Spieler, aber er steht nicht
auf dem richtigen Platz. Jedenfalls ist
er nicht der Typ des Liberos, den wir suchen.”
Brück machte den Kickers mit seinen
Vorstößen das Leben ebenso sauer
wie Kastl, der zweifache Torschütze,
und selbst der junge Rabeneck, der in der
zweiten Halbzeit oft mit nach vorn stieß.
Resenberg, Typ eines „eckigen”
und kampfstarken Vorstoppers, ließ
Bubi Bründl keinen Meter Spielraum
und ließ den Torschützenkönig
zum Schluß der Saison leer ausgehen
und in seinem Abschiedsspiel schlecht aussehen.
Diese Kasseler Mannschaft
hat in der zweiten Halbzeit überzeugt
und begeistert. Sie spielte modernen Fußball.
Dle Stuttgarter Elf ist ein Rätsel:
sie gewinnt in Ingolstadt 6:0, verliert
zuhause gegen Kassel 5:0, schlägt den
1. FC Nürnberg mit 4:0 und gibt gegen
Wacker München drei Punkte ab. Die
Kickers können nur spielen, wenn die
Sonne scheint, was symbolisch gemeint ist.
Geht etwas schief, haben sie nicht die Moral,
sich am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf
herauszuziehen.
Vor der Pause hatten die
Kasseler zweimal Glück: in der 36.
Minute, als der fehlerfreie, glänzend
reagierende Birkhölzer einen Schuß
von Schmeil im Reflex an die Unterkante
der Latte lenkte, von wo das Leder ins Feld
zurücksprang, dann vier Minuten vor
Halbzeit, als Potschak nach einem Dribbling
genau die Stelle traf, wo Querlatte und
Pfosten sich vereinigen. Die einzige Kasseler
Chance hatte Gerstenlauer schon in der 10.
Minute zunichte gemacht, als er dem allein
anstilrmenden Martin entgegenging und abwehrte.
Die Kasseler Trefferserie
begann in der 51. Minute nach einem Doppelpaß
von Weiland und Habedank. Gerstenlauer wehrte
Weilands Schuß ab, Libero Kimmerle
versäumte einzugreifen, und Habedank
nutzte dies entschlossen zum Führungstor.
Mit einem klassischen Konter schafften die
Hessen das 2:0 in der 55. Minute: Kastl,
noch schneller als der schnellste Stuttgarter,
nämlich sein Gegenspieler Frommer,
fing an der Mittellinie eine lange Vorlage
an diesen ab, stürmte unaufhaltsam
davon und schoß ganz überraschend
vom Strafraumwinkel. Genau in der langen
Ecke schlug der Ball unhaltbar ein. Dann
ging es weiter Schlag auf Schlag: Lattenschuß
von Brück. Kopfball von Adler an die
Querlatte, zweimalige Rettungsaktion von
Gerstenlauer im Herauslaufen gegen den flinken
Grau, der dabei verletzt wurde und gegen
Künkel ausgetauscht werden mußte.
Dann als letztes Aufbäumen der Kickers
ein Freistoß von Böhringer an
die Querlatte und anschließend völlige
Auflösung bei den Platzherren.
Ständig in Überzahl
angreifend fanden die Hessen kaum mehr ernsthaften
Widerstand. Maciossek kurvte von rechts
auf das Tor zu und schoß placiert
zum 3:0 ein, Kastl schoß nach erneutem
Sturmlauf von links das vierte Tor, und
schließlich traf Künkel mit einem
unhaltbaren Schuß ins Netz und sorgte
damit für den Endstand. Die letzten
drei Tore fielen zwischen der 82. und 89.
Minute!
HNA-Sportredaktion,
21.05.1971