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<<< 1. Hauptrunde
DFB-Pokal, Saison 1970/71, 1. Hauptrunde
 

FC Bayern München - KSV Hessen Kassel

3:0 (3:0)

Mittwoch, 23.12.1970
Städt. Stadion an der Grünwalder Straße

FC Bayern München
KSV Hessen Kassel
Edgar Schneider (55. Karl-Heinz Mrosko)
Trainer: Udo Lattek
Spielstatistik
Tore: 1:0 Roth (23.), 2:0 Roth (33.), 3:0 Dittel (44., Eigentor) - Schiedsrichter: Engel (Reimsbach) - Zuschauer: 4.000
Spielbericht

Tückische Tore vor Halbzeit - Aber dann hielt der KSV mit

Im Kasseler Auestadion war der Fußball-David KSV Hessen drauf und dran, den Goliath Bayern München schon in der ersten Runde aus dem DFB-Vereinspokal-Wettbewerb zu werfen. Nach 120 Minuten hieß es 2:2. Im Münchener Stadion an der Grünwalder Straße schrumpfte die Kasseler Mannschaft, die sich in Kassel für zwei begeisternde Stunden auf Bundesligastärke gesteigert hatte, auf das Regionalligamaß zusammen. Vor nur 4000 Zuschauern gewannen die Bayern mit 3:0 (3:0) und zogen damit in die zweite Hauptrunde ein, in der sie auf dem gefürchteten Kaiserslauterer Betzenberg Gegner des FCK sein werden.

Die Hessen mußten den Gang in die Höhle des Löwen mit einem großen Handicap antreten: Maciossek und Grau, zwei ihrer stärksten Angriffsspieler, fehlten wegen Verletzung. Und da auch der junge Ernst Martin - ein Spieler mit Tordrang und ohne Respekt vor großen Namen - seit Wochen außer Gefecht ist, blieb der Kasseler Angriff natürlich von vornherein ein Torso. Dies um so mehr, als Trainer Heinz Baas dem Grundsatz „Safety First” (zuerst Sicherheit) den Vorzug vor der Parole gab, daß Angriff noch immer die beste Verteidigung sei. Er wollte den in Kassel so erfolgreichen Abwehrblock nicht auseinanderreißen und ließ daher mit Kastl einen weiteren Stürmer in der Verteidigung spielen.

Der Plan von Trainer Baas

Das Auflockerungstraining am Vormittag hatte schon gezeigt, daß bei solchen Bodenverhältnissen alles möglich sein würde, selbst eine Niederlage deklassierender Art. Der Plan von Heinz Baas zielte darauf ab, mit einer Art 1 - (Libero Brück) - 4 - (Abwehrkette Resenberg, Habedank, Dittel, Kastl) - 3 - (Mittelfeld Schade, Radovic, Adler - 2 - (Angriffsspitzen Künkel, Gerstner) in der Abwehrzone so dicht zu sein, daß kein Platz für den gefürchteten Doppelpaß der Bayern blieb.

Dieser Plan barg natürlich die Gefahr in sich, daß auf dem rutschigen Schneeparkett dennoch genug Schüsse durch den Sperrwall vor Birkhölzers Tor durschschlüpfen würden und daß dann, wenn die Angriffswellen erst einmal eine Bresche in diesen Schutzwall gefressen hätten, von dort aus die Katastrophe ihren Lauf nehmen würde. Diese Befürchtung schien sich in der ersten Halbzeit streckenweise zu bestätigen, aber nach der Pause fielen - wie schon beim 2:2 in Kassel - keine Tore mehr.

Der Nervenkrieg begann morgens

Beim Frühstück am Morgen hatte der Nervenkrieg mit dem Studium der Münchner Morgenzeitungen begonnen. Da war von einer „Bescherung” für Kassel die Rede, vom „Heimleuchten”, von „blutiger Rache” für die durch das unerwartete Kasseler Remis verlorene Urlaubswoche der Bayern, ja selbst Knecht Ruprecht mit der Rute fehlte in einer Karikatur nicht. Und Bayern-Trainer Udo Lattek stimmte in den Chor ein, indem er am Tag vor dem Spiel verkündete, es sollten die gleichen Spieler seines Aufgebots eingesetzt werden, die sich „diese Sache in Kassel eingebrockt” hätten. 90 Minuten Nachsitzen also für die Musterschüler!

Trainer Heinz Baas tat alles, um seinen Männern Selbstvertrauen einzuimpfen. Bei ihm war, jedenfalls wenn ein Spieler in Hörweite war, nicht vom Verlieren die Rede! Er erzählte vom 2:2 nach 120 Minuten Pokalkampf mit der damals von ihm trainierten Mannschaft von Mainz 05 gegen 1860 München im Jahre 1965 und dem Wiederholungsspiel auf verschneitem Feld an der Grünwalder Straße in München.

Bis dahin stimmte die Parallele. Die Mainzer brachten damals aber das Kunststück fertig, die im Vorjahr im Europa-Cup erst an Westham United im Finale gescheiterten Münchner mit 2:1 zu schlagen. Wunder wiederholen sich, wie man sieht, selten oder nie. Die Tore, die in den ersten 45 Minuten des gestrigen Spiels fielen, waren keineswegs zwingend, sondern das Ergebnis irgendwelcher Tücken, die den Hessen bös mitspielten. Beim 1:0 in der 23. Minute, rutschte Holger Brück als letzter Mann auf dem eisigen Parkett aus, so daß Roth unbehindert um Birkhölzer herummarschieren und zum Führungstreffer einschießen konnte. Beim 2:0, nur neun Minuten später, blieb wiederum Roth bei einem Preßschlag mit seinem Bewacher Radovic im Ballbesitz und hatte mit einem 20-Meter-Sonntagsschuß ins lange Eck Glück.

Und das 3:0 fabrizierte Heiner Dittel, der seinen Vorsatz, Gerd Müller diesmal am Toreschießen zu hindern, wahrmachte, eine Minute vor der Halbzeit selbst. Einen flachen Beckenbauer-Paß zu Müller in den Strafraum traf der Heiner beim Abwehrversuch so unglücklich, daß der Ball mit Effet über Birkhölzer hinweg unhaltbar im Netz landete.

Kasseler „Tannenbaum-System”

In dieser ersten Halbzeit sahen dir Hessen schlecht aus. „Tannenbaum-System” nannte ein Münchner Kollege die Formation der Hessen zu dieser Zeit. Der junge Künkel war die Spitze dieses Bäumchens, das sich unter der Last der Bayern-Angriffe bog. Da wurde oft auch Gerstner noch ins Mittelfeld gezwungen, um auszuhelfen.

Trainer Bass hatte als überraschende Variante Dittel die Aufgabe gegeben, hin und wieder zu den Sturmspitzen aufzuschließen und auf das Tor zu ballern. Er spekulierte darauf, daß ein Gerd Müller nicht gewohnt ist, seinem Bewacher nachzurennen! Und so war es kein Zufall, daß ausgerechnet Dittel in der 16. Minute den ersten Schuß auf das Tor des vor Kälte bibbernden, arbeitslosen Sepp Maier abfeuerte. Bis die Hessen zu ihrer ersten Ecke kamen, dauerte es gar 42 Minuten. Zum Schluß war das Eckenverhältnis - nach 6:5-Führung - mit 6:6 ausgeglichen!

Schnee und Flutlicht irritierte

Der gefürchtete Münchner Doppelpaß klappte nur selten. Da war kaum Raum in der Abwehrmauer. Und als Zobel in der 20. Minute Gerd Müller freigespielt halte, rutschte dem Torjäger der Ball vom Schuß-Fuß. Dem 1:0 folgten noch ein Abseitstreffer von Brenninger, dem 2:0 zwei schöne Paraden des auf der Linie wieder hervorragenden Kasseler Torwarts Birkhölzer bei Schüssen von Hoeneß. Im übrigen wurde Birkhölzer, wie er uns nach dem Spiel erzählte, von dem Schneetreiben im Flutlicht bei hohen Bällen irritiert, so daß er zwei Flankenbälle unterlief. Einmal mußten Dittel und Brück gemeinsam auf der Linie für ihn retten.

Nach der Pause kamen die Hessen mit Weiland anstelle von Künkel, dessen Platz in der vordersten Linie Schade einnahm. Plötzlich wand sich Radovic im Strafraum am Boden und mußte anschließend zwei Minuten gepflegt werden: Was war geschehen?

Niemand hatte es anscheinend auf der Tribüne gesehen. Aber die Kasseler Spieler erzählten nach dem Treffen empört, daß Radovic zunächst von Müller in den Oberschenkel getreten und im nächsten Moment von Roth mit einem Faustschlag ins Gesicht zu Boden gefällt wurde. Der Jugoslawe trug deutliche Spuren dieses Boxhiebes als Erinnerung an diesen Kampf davon.

Endlich entschlossene Angriffe

Ein phantastischer Spannschuß von Beckenbauer, den Birkhölzer ebenso schön parierte, war in der 58. Minute für lange Zeit die letzte auffällige Aktion der Bayern. Schalteten sie angesichts des sicheren Sieges und der dicht bevorstehenden Südamerika-Reise einen Gang zurück oder lag es daran, daß sich das Kasseler Spiel nun entkrampfte, daß ruhiger aus der Deckung heraus gespielt und entschlossener gestürmt wurde?

Jedenfalls waren nun bis zum Schluß in einem Spiel, das an Tempo, kämpferischem Einsatz und Spannung nie an die Kasseler Begegnung heranreichte, die Kasseler die spielbestimmende Mannschaft, die auch genug Möglichkeiten zu einem Ehrentreffer herausarbeitete. So, als Kastl am linken Flügel Hansen überspurtet hatte und der Däne mit seinem Rettungsversuch um ein Haar ein Eigentor verursachte. So auch, als Habedanks Paß an Schade auf dem glatten Boden ein wenig zu weit wegrutschte, so auch, als Radovic mit einem Flachschuß Maier zu blitzschneller Fußabwehr zwang und er im Nachschuß das Leder nur um Zentimeter über Maier und die Torlatte lupfte.

Pfiffe und Gelächter für Müller

In den letzten Minuten kamen auch die Bayern noch einmal zum Zuge, aber Gerd Müller, Idol der Fußballnation, hat in seiner Heimatstadt durchaus nicht nur Bewunderer, sondern auch scharfe Kritiker. Als er einen Flankenball von Mrosko (der für Schneider aufs Feld gekommen war) fast senkrecht in den Nachthimmel drosch, gab es Pfiffe und Gelächter ...

Alle gaben ihr Bestes

Mit dem 3:0 mögen die Hessen zufrieden gewesen sein. In der 2. Halbzeit zeigten sie, daß sie mehr können, als nur den „tödlichen” Streich des Gegners erwarten. Die zweite Hälfte versöhnte mit der ersten! Alle haben ihr Bestes gegeben. Daß dies nicht genug war, um zu gewinnen, überrascht nur diejenigen, die ihren Tip nicht aufgrund von Realitäten, sondern aufgrund von Wunschträumen abgegeben hatten ...

Herbert Peiler (HNA-Sportredaktion, 24.12.1970)