Tückische
Tore vor Halbzeit - Aber dann hielt der
KSV mit
Im Kasseler
Auestadion war der Fußball-David KSV
Hessen drauf und dran, den Goliath Bayern
München schon in der ersten Runde aus
dem DFB-Vereinspokal-Wettbewerb zu werfen.
Nach 120 Minuten hieß es 2:2. Im Münchener
Stadion an der Grünwalder Straße
schrumpfte die Kasseler Mannschaft, die
sich in Kassel für zwei begeisternde
Stunden auf Bundesligastärke gesteigert
hatte, auf das Regionalligamaß zusammen.
Vor nur 4000 Zuschauern gewannen die Bayern
mit 3:0 (3:0) und zogen damit in die zweite
Hauptrunde ein, in der sie auf dem gefürchteten
Kaiserslauterer Betzenberg Gegner des FCK
sein werden.
Die Hessen mußten
den Gang in die Höhle des Löwen
mit einem großen Handicap antreten:
Maciossek und Grau, zwei ihrer stärksten
Angriffsspieler, fehlten wegen Verletzung.
Und da auch der junge Ernst Martin - ein
Spieler mit Tordrang und ohne Respekt vor
großen Namen - seit Wochen außer
Gefecht ist, blieb der Kasseler Angriff
natürlich von vornherein ein Torso.
Dies um so mehr, als Trainer Heinz Baas
dem Grundsatz „Safety First”
(zuerst Sicherheit) den Vorzug vor der Parole
gab, daß Angriff noch immer die beste
Verteidigung sei. Er wollte den in Kassel
so erfolgreichen Abwehrblock nicht auseinanderreißen
und ließ daher mit Kastl einen weiteren
Stürmer in der Verteidigung spielen.
Der Plan von Trainer
Baas
Das Auflockerungstraining
am Vormittag hatte schon gezeigt, daß
bei solchen Bodenverhältnissen alles
möglich sein würde, selbst eine
Niederlage deklassierender Art. Der Plan
von Heinz Baas zielte darauf ab, mit einer
Art 1 - (Libero Brück) - 4 - (Abwehrkette
Resenberg, Habedank, Dittel, Kastl) - 3
- (Mittelfeld Schade, Radovic, Adler - 2
- (Angriffsspitzen Künkel, Gerstner)
in der Abwehrzone so dicht zu sein, daß
kein Platz für den gefürchteten
Doppelpaß der Bayern blieb.
Dieser Plan barg natürlich
die Gefahr in sich, daß auf dem rutschigen
Schneeparkett dennoch genug Schüsse
durch den Sperrwall vor Birkhölzers
Tor durschschlüpfen würden und
daß dann, wenn die Angriffswellen
erst einmal eine Bresche in diesen Schutzwall
gefressen hätten, von dort aus die
Katastrophe ihren Lauf nehmen würde.
Diese Befürchtung schien sich in der
ersten Halbzeit streckenweise zu bestätigen,
aber nach der Pause fielen - wie schon beim
2:2 in Kassel - keine Tore mehr.
Der Nervenkrieg
begann morgens
Beim Frühstück
am Morgen hatte der Nervenkrieg mit dem
Studium der Münchner Morgenzeitungen
begonnen. Da war von einer „Bescherung”
für Kassel die Rede, vom „Heimleuchten”,
von „blutiger Rache” für
die durch das unerwartete Kasseler Remis
verlorene Urlaubswoche der Bayern, ja selbst
Knecht Ruprecht mit der Rute fehlte in einer
Karikatur nicht. Und Bayern-Trainer Udo
Lattek stimmte in den Chor ein, indem er
am Tag vor dem Spiel verkündete, es
sollten die gleichen Spieler seines Aufgebots
eingesetzt werden, die sich „diese
Sache in Kassel eingebrockt” hätten.
90 Minuten Nachsitzen also für die
Musterschüler!
Trainer Heinz Baas tat
alles, um seinen Männern Selbstvertrauen
einzuimpfen. Bei ihm war, jedenfalls wenn
ein Spieler in Hörweite war, nicht
vom Verlieren die Rede! Er erzählte
vom 2:2 nach 120 Minuten Pokalkampf mit
der damals von ihm trainierten Mannschaft
von Mainz 05 gegen 1860 München im
Jahre 1965 und dem Wiederholungsspiel auf
verschneitem Feld an der Grünwalder
Straße in München.
Bis dahin stimmte die
Parallele. Die Mainzer brachten damals aber
das Kunststück fertig, die im Vorjahr
im Europa-Cup erst an Westham United im
Finale gescheiterten Münchner mit 2:1
zu schlagen. Wunder wiederholen sich, wie
man sieht, selten oder nie. Die Tore, die
in den ersten 45 Minuten des gestrigen Spiels
fielen, waren keineswegs zwingend, sondern
das Ergebnis irgendwelcher Tücken,
die den Hessen bös mitspielten. Beim
1:0 in der 23. Minute, rutschte Holger Brück
als letzter Mann auf dem eisigen Parkett
aus, so daß Roth unbehindert um Birkhölzer
herummarschieren und zum Führungstreffer
einschießen konnte. Beim 2:0, nur
neun Minuten später, blieb wiederum
Roth bei einem Preßschlag mit seinem
Bewacher Radovic im Ballbesitz und hatte
mit einem 20-Meter-Sonntagsschuß ins
lange Eck Glück.
Und das 3:0 fabrizierte
Heiner Dittel, der seinen Vorsatz, Gerd
Müller diesmal am Toreschießen
zu hindern, wahrmachte, eine Minute vor
der Halbzeit selbst. Einen flachen Beckenbauer-Paß
zu Müller in den Strafraum traf der
Heiner beim Abwehrversuch so unglücklich,
daß der Ball mit Effet über Birkhölzer
hinweg unhaltbar im Netz landete.
Kasseler „Tannenbaum-System”
In dieser ersten Halbzeit
sahen dir Hessen schlecht aus. „Tannenbaum-System”
nannte ein Münchner Kollege die Formation
der Hessen zu dieser Zeit. Der junge Künkel
war die Spitze dieses Bäumchens, das
sich unter der Last der Bayern-Angriffe
bog. Da wurde oft auch Gerstner noch ins
Mittelfeld gezwungen, um auszuhelfen.
Trainer Bass hatte als
überraschende Variante Dittel die Aufgabe
gegeben, hin und wieder zu den Sturmspitzen
aufzuschließen und auf das Tor zu
ballern. Er spekulierte darauf, daß
ein Gerd Müller nicht gewohnt ist,
seinem Bewacher nachzurennen! Und so war
es kein Zufall, daß ausgerechnet Dittel
in der 16. Minute den ersten Schuß
auf das Tor des vor Kälte bibbernden,
arbeitslosen Sepp Maier abfeuerte. Bis die
Hessen zu ihrer ersten Ecke kamen, dauerte
es gar 42 Minuten. Zum Schluß war
das Eckenverhältnis - nach 6:5-Führung
- mit 6:6 ausgeglichen!
Schnee und Flutlicht
irritierte
Der gefürchtete Münchner
Doppelpaß klappte nur selten. Da war
kaum Raum in der Abwehrmauer. Und als Zobel
in der 20. Minute Gerd Müller freigespielt
halte, rutschte dem Torjäger der Ball
vom Schuß-Fuß. Dem 1:0 folgten
noch ein Abseitstreffer von Brenninger,
dem 2:0 zwei schöne Paraden des auf
der Linie wieder hervorragenden Kasseler
Torwarts Birkhölzer bei Schüssen
von Hoeneß. Im übrigen wurde
Birkhölzer, wie er uns nach dem Spiel
erzählte, von dem Schneetreiben im
Flutlicht bei hohen Bällen irritiert,
so daß er zwei Flankenbälle unterlief.
Einmal mußten Dittel und Brück
gemeinsam auf der Linie für ihn retten.
Nach der Pause kamen die
Hessen mit Weiland anstelle von Künkel,
dessen Platz in der vordersten Linie Schade
einnahm. Plötzlich wand sich Radovic
im Strafraum am Boden und mußte anschließend
zwei Minuten gepflegt werden: Was war geschehen?
Niemand hatte es anscheinend
auf der Tribüne gesehen. Aber die Kasseler
Spieler erzählten nach dem Treffen
empört, daß Radovic zunächst
von Müller in den Oberschenkel getreten
und im nächsten Moment von Roth mit
einem Faustschlag ins Gesicht zu Boden gefällt
wurde. Der Jugoslawe trug deutliche Spuren
dieses Boxhiebes als Erinnerung an diesen
Kampf davon.
Endlich entschlossene
Angriffe
Ein phantastischer Spannschuß
von Beckenbauer, den Birkhölzer ebenso
schön parierte, war in der 58. Minute
für lange Zeit die letzte auffällige
Aktion der Bayern. Schalteten sie angesichts
des sicheren Sieges und der dicht bevorstehenden
Südamerika-Reise einen Gang zurück
oder lag es daran, daß sich das Kasseler
Spiel nun entkrampfte, daß ruhiger
aus der Deckung heraus gespielt und entschlossener
gestürmt wurde?
Jedenfalls waren nun bis
zum Schluß in einem Spiel, das an
Tempo, kämpferischem Einsatz und Spannung
nie an die Kasseler Begegnung heranreichte,
die Kasseler die spielbestimmende Mannschaft,
die auch genug Möglichkeiten zu einem
Ehrentreffer herausarbeitete. So, als Kastl
am linken Flügel Hansen überspurtet
hatte und der Däne mit seinem Rettungsversuch
um ein Haar ein Eigentor verursachte. So
auch, als Habedanks Paß an Schade
auf dem glatten Boden ein wenig zu weit
wegrutschte, so auch, als Radovic mit einem
Flachschuß Maier zu blitzschneller
Fußabwehr zwang und er im Nachschuß
das Leder nur um Zentimeter über Maier
und die Torlatte lupfte.
Pfiffe und Gelächter
für Müller
In den letzten Minuten
kamen auch die Bayern noch einmal zum Zuge,
aber Gerd Müller, Idol der Fußballnation,
hat in seiner Heimatstadt durchaus nicht
nur Bewunderer, sondern auch scharfe Kritiker.
Als er einen Flankenball von Mrosko (der
für Schneider aufs Feld gekommen war)
fast senkrecht in den Nachthimmel drosch,
gab es Pfiffe und Gelächter ...
Alle gaben ihr
Bestes
Mit dem 3:0 mögen
die Hessen zufrieden gewesen sein. In der
2. Halbzeit zeigten sie, daß sie mehr
können, als nur den „tödlichen”
Streich des Gegners erwarten. Die zweite
Hälfte versöhnte mit der ersten!
Alle haben ihr Bestes gegeben. Daß
dies nicht genug war, um zu gewinnen, überrascht
nur diejenigen, die ihren Tip nicht aufgrund
von Realitäten, sondern aufgrund von
Wunschträumen abgegeben hatten ...
Herbert
Peiler (HNA-Sportredaktion, 24.12.1970)