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<<< 4. Runde
DFB-Pokal, Saison 1970/71, 1. Hauptrunde

KSV Hessen Kassel - FC Bayern München

2:2 nach Verlängerung (2:2, 2:2)

Sonntag, 13.12.1970
Auestadion Kassel

KSV Hessen Kassel
Franz Roth (52. Paul Breitner)
Trainer: Udo Lattek
Spielstatistik
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Spielbericht

KSV Hessen hielt den Bayern 120 Minuten lang stand: 2:2!

Nicht nur die große Kulisse, das randvoll gefüllte Auestadion mit 32 000 erwartungsfrohen, temperamentvoll mitgehenden Menschen, sondern auch der Kampfgeist der Kasseler Mannschaft, die ihrem Wappentier, dem Löwen, alle Ehre machten, erinnerte an die besten Nachkriegstage des Kasseler Klubs. Wenn die Hessen ihren berühmten Gegner, den ehemaligen Europacupsieger, zweifachen deutschen Meister und viermaligen deutschen Pokalgewinner Bayern München bezwungen hätten, niemand hätte es für ungerecht halten können. Doch nach 90 Minuten stand es immer noch 2:2. 2:2 wie schon nach der 39. Minute. Und auch nach der halbstündigen Verlängerung war der Spielstand unverändert. Ein großer Kampf endete wie das Hornberger Schießen!

Das heißt: die 32 000 Zuschauer in Kassel erlebten nur des Dramas ersten Teil. Nach den Bestimmungen des Deutschen Fußballbundes wird das Spiel der ersten Pokal-Hauptrunde nun im Münchener Stadion an der Grünwalder Straße wiederholt, und da ist die Überlebenschance des KSV gleich Null. Sei's drum: wer sich so geschlagen hat wie diese 13 Burschen. der kann mit offenem Visier auch in die entscheidende Partie in München gegen den Spitzenreiter der Bundesliga gehen. Was schon für die Kasseler Partie galt, gilt nun für München um so mehr: die Hessen haben nichts, aber auch rein gar nichts zu verlieren! Daß sie dort außer dem Respekt der ob des Kasseler Resultats sicher etwas verwunderten Münchener Fußballkenner aber auch nichts mehr zu gewinnen haben, sei frank und frei herausgesagt.

Was für die Bayern eine in einigen Teilen nicht vollauf gelungene Fußball-Exhibition war, das war für die Hessen ein Kraftakt, auf den Trainer Heinz Baas seine Mannschaft in völlig richtiger Einschätzung aller Stärken und Schwächen beider Kontrahenten goldrichtig vorbereitet hatte. Das gilt ebenso in taktischer wie in physischer Hinsicht. Ein Mann wie der 33jährige Heiner Dittel dankte es seinem „Chef”, daß er trotz bohrender Zweifel an ihm festhielt und ihm die Bewachung von Gerd Müller übertrug. Großartig, wie der Heiner mit Kraft und Elan, aber auch mit Köpfchen und Zähigkeit seine Aufgabe löste. Von zehn Duellen gewann Kassels Vorstopper sieben - aber zum Schluß blieb die Tatsache, daß Gerd Müller, dieser langhaarige Strafraumgeist, doch die beiden Treffer für seine Mannschaft erzielt und sie damit vor einem vorzeitigen „Aus” im Pokalwettbewerb bewahrt hatte. Die fast nebensächliche Art, wie er zweimal den Ball über die Linie mauschelte, war typisch für den Mann, den sie - unzutreffender geht's nimmer - den „Bomber” nennen.

Bayerns Stärke: das Mittelfeld

Mit der Ausschaltung eines Gerd Müller ist jedoch nichts getan, denn da sind noch der Brenninger und der Mrosko an den Flügeln. Mehr Gefahr noch als von diesen beiden kommt aus dem Mittelfeld! Nicht in der vordersten Linie, im Mittelfeld und in der Abwehr sind die Bayern des Jahrgangs 1970/71 Sonderklasse. Mal stürmt der grob schlächtige Schwarzenbeck, mal der behende blondgelockte Ulli Hoeness, mal wagt sich das „Mädchen für alles” in diesem Team, der 22jährige Familienvater und Unterprimaner (!) Zobel nach vorn, und Franz Beckenbauer stößt so oft, wie nur irgend möglich, aus seiner Position als letzter Mann vor Sepp Maier in die gegnerische Hälfte vor und darf sich dann nicht nur auf seine Schußkraft, sondern auch auf die uneigennützigen Domestikendienste der Mannschaftskameraden verlassen, die dem "Kaiser Franz" diesmal aber nicht ein einziges Mal das Leder so servieren konnten, daß ein Tor fiel.

Mit Beckenbauer und Schwarzenbeck sind die Innenverteidigerposten besser besetzt als die Positionen an der Peripherie der Abwehrzone. Der lange Däne Johnny Hansen bekam den Windhund Gerhard Grau nie in den Griff, und Koppenhöfer hätte mit Grau oder mit Kastl nicht weniger Sorgen gehabt.

"Bulle" Roth deutete mit einem kraftvollen Solo über das halbe Feld gleich zum Auftakt an, daß er diesen Spitznamen zu recht besitzt. Eine Verletzung aus dem Mittwochabendspiel, das die Bayern in Rotterdam gegen Sparta 3:1 gewannen, zwang ihn dann zur Zurückhaltung und kurz nach dem Wechsel zum Austausch gegen Breitner.

KSV bestand den Härtetest

Die Hessen haben diesen Härtetest gegen einen Gegner der europäischen Spitzenklasse, der indes nur für kurze Strecken den richtigen Rhythmus fand, glänzend bestanden. Ohne Ausnahme. Es gab keinen schlechten, keinen schwachen Mann, es gab nur mehr oder weniger gute ...!

Birkhölzer reagierte im Tor wie der Blitz, war an den Toren schuldlos. Resenberg spielte seinen Part mit gewohnter Zuverlässigkeit, wurde aber noch übertroffen von Kastl, der nie einen besseren Verteidiger gespielt hat. Mit der entschlossenen Zerstörungsarbeit gegnerischer Aktionen war er nicht zufrieden. Er wollte Konstruktives zur Gestaltung des Spieles beitragen, und das ist ihm gelungen. Seine Vorstöße brachten große Gefahr und auch Wirkung: Kassels zweites Tor fiel nach einem Eckball, den Kastl am linken Flügel erzwungen hatte!

Dittels Schlüsselrolle im Kasseler Spiel ist bereits gewürdigt. Brück, Habedank und Weiland, die sich neben den genannten Mannschaftskameraden die Arbeit in der Abwehr und im Mittelfeld teilten, wurden schwer gefordert. Es gab „Durststrecken” im Spiel der Hessen, in dem es so aussah, als würden tragende Pfeiler einstürzen, welche die Abwehrmauer zusammenhalten und stützen mußten! Und es gab Minuten, in denen die Kraft und die Spielkunst gegen den übermächtigen Gegner nicht mehr ausreichten, um mehr als nur Zerstörungsarbeit zu leisten und sich Verschnaufpausen zu verschaffen. Um so erstaunlicher, daß die Hessen, die schließlich auch ihrem Beruf nachgehen, den hochdotierten Profis bis zur letzten der 120 Minuten auch konditionell gewachsen waren. Uwe Habedank, der Kapitän, ein Brück, ein Weiland stürmten zum Schluß munter mit! Wo Resenberg durch eine Zerrung nach 90 Minuten ausfiel, da warf sich der 21jährige Rabeneck in den Kampf. Wo Maciossek ausgefallen war, da leistete Schade auf ungewohntem Posten gute Dienste.

Grau zickzackte über das Feld wie ein Hase, hinter dem die Meute her ist. Hansen konnte ihn vor der Pause auch durch ein grobes Foul nicht "bremsen". "Gerdchen", der zu nachtschlafender Zeit Briefe austrägt, oft auch samstags, wenn am Mittag ein Spiel ist (!), verdaute auch den bösen Tritt und Sturz und war bis zum Schluß ein steter Unruheherd für die Bajuwaren. Nicht so auffällig und wirksam, aber mit einem Rieseneifer und gelungenen technischen Einlagen, spielte Gerstner. Maciossek hatte es gegen den knochigen Schwarzenbeck von Anfang an am schwersten, ging aber keinem Duell aus dem Wege. Reinhard Adler verdient den Namen, den Gerd Müllers Art, Tore zu machen, so unzutreffend kennzeichnet: Adler ist ein Bomber! Ansatzlos drischt er das Leder mit dem linken Spann aus beachtlicher Entfernung auf das Tor. Diesmal, mit Aufgaben im Mittelfeld reichlich eingedeckt, schoß der 23jährige Studiosus nur dreimal im ganzen Spiel. Sein erster Schuß strich über die Latte, sein zweiter war ein Prachttreffer, den dritten riß Maier am Boden gerade noch an sich. 33 Prozent scheinen uns gegen einen Torwart wie Maier eine beachtliche Trefferquote!

Der Kurzfilm der 90 Minuten

Den ersten „Auestadion-Roar” Aufschrei der Massen, brachte Resenbergs Einwurf, fast einem Eckstoß vergleichbar. Doch direkt in Maiers Armen landete der Ball. Auf einen Weiland-Schuß reagierte der Sepp falsch, bekam das Leder aber doch noch sicher in den Griff. Die ständigen Vorstöße der Münchener „zweiten Reihe” brachten vorübergehend Nervosität in die Kasseler Reihen. Fehlpässe waren die Folge. Sie brachten aber auch Birkhölzer Gelegenheit, sich auszuzeichnen, und er tat dies mit Bravour bei zwei Schüssen von Brenninger. Als Maciossek seinen lästigen Bewacher Schwarzenbeck in der 15. Minute abgehängt hatte und halbhoch in die Mitte flankte, flog Adlers Direktschuß knapp über die Torlatte. Dann ging es Schlag auf Schlag:

• 20. Minute: Dittel gewinnt Duell mit Müller im Mittelfeld, Gerstner legt dicht vor der Strafraumgrenze Adler den Ball mit der Hacke genau vor den linken Schußfuß, und wie vom Katapult geschleudert, fliegt der Ball hoch unter das Tordach. 1:0 - das Stadion dröhnt vom Jubel.

• 22. Minute: Ironie des Schicksals: Adler unterläuft ein Fehler im eigenen Strafraum, und Müller staubt zum 1:1 ab. Aus dem glücklichsten unter den 22 ist 120 Sekunden später ein Häufchen Unglück geworden. Aber das Tempo des Kampfes läßt keine Zeit zu trüben Gedanken.

• 25. Minute: Kastls Vorstoß endet mit einem Eckball, den Grau mit Effet hereinzieht: Maciossek gibt dem Ball mit dem Kopf eine andere Richtung, und der Maier Sepp greift entsetzt ins Leere. 2:1, und vergessen ist der Patzer von eben.

Raketen scheren sich den Teufel um Vernunft, Verbot und Bestimmungen und künden das Ereignis - hoch über dem Stadion verglühend - für die Daheimgebliebenen!

Kurz vor dem erneuten Münchener Ausgleich hatte Birkhölzer noch Beckenbauers placierten Flachschuß um den Pfosten dirigiert, dann war es aber geschehen.

• 39. Minute: Fehlpaß von Habedank im Mittelfeld, schnell fließende Kombination Brenninger-Hoeness-Müller, der schon in die "Gasse" in der Kasseler Abwehr gestartet war. 2:2!

Nach 39 Minuten keine Tore mehr

Von der 55. Minute an hatten die Hessen ihre beste Zeit. Wer spielte jetzt eigentlich mit wem? Eckenserien vor Maiers Tor, Koppenhöfer rettet bei Maciosseks Kopfball für seinen geschlagenen Torwart auf der Linie! Blitzschneller Szenenwechsel: Birkhölzer faustet akrobatisch einen Kopfball Müllers im Zurückfallen aus dem Tor heraus. Und wieder die Hessen: Habedank bleibt nach langem Hickhack mit drei Bayern im Ballbesitz, seine mißglückte Vorlage bringen die Bayern nicht weit genug weg, und Schades Flachschuß rasiert den Torpfosten. Dann wieder Schrecksekunde für die Hessen: aber bevor Brenninger den Schrägschuß von Beckenbauer an die Torlatte gelenkt hatte, war das Spiel wegen Abseitsstellung des Linksaußen unterbrochen.

In der Verlängerung herrschte im Mittelfeld Leere, die Kräfte wurden nur noch dort eingesetzt, wo die Entscheidung fallen konnte, in den Strafräumen. Die Bayern drängten, doch die Hessen hatten mit steilen Gegenangriffen die noch besseren Möglichkeiten. Als Sepp Maier einen vertrackten Schuß von Grau über die Latte lenkte, war die letzte und schönste aller Möglichkeiten, dem Goliath den Todesstoß zu verpassen, dahin. - Den großen Kampf war Schulenburg ein ausgezeichneter Leiter.

HNA-Sportredaktion, 14.12.1970

Alle einig im Lob für den KSV - Stimmen zum Spiel:

Der Tenor nach dem großen Pokalkampf im Auestadion war eindeutig: Der KSV Hessen wurde ob seines hervorragenden Spiels gegen die Bayern von allen Seiten gelobt.

Heinz Baas, Trainer des KSV Hessen: „Mein Dank gilt der Mannschaft und dem hervorragenden Kasseler Publikum. Es hat sich wieder einmal bewiesen, zu welcher Leistung eine Mannschaft fähig ist, wenn die Zuschauer so toll mitgehen. Ich glaube, wenn es 3:2 für uns gestanden hätte, wäre es auch ein verdienter Ausgang gewesen. Pech natürlich die Zerrungen von Maciossek und Resenberg. Beide Bayern-Tore waren vermeidbar.

Udo Lattek, Trainer der Bayern: „Eine großartige Kasseler Mannschaft, die uns über die gesamte Distanz durch ihre Gegenwehr den Spielrhythmus verdarb. Letztlich bin ich heilfroh, daß wir nicht verloren haben. Natürlich war der Ausfall von Roth im Mittelfeld ein Handicap für uns.”

Karl Beuermann, Präsident des KSV Hessen: „Ein großartiges Spiel! In der ersten Hälfte hatte unsere Mannschaft noch zuviel Achtung vor dem großen Gegner. Dann bewies sie, daß sie an diesem Tage durchaus gleichwertig war.”

Dr. Max Danz, geschäftsführender Präsident des NOK: „Ein großartiges Spiel beider Mannschaften. Zwei wunderschöne Tore der Hessen und zwei vermeidbare des Gegners. Begeistert hat mich vor allem die zweite Hälfte, als der KSV seine Nervosität abgelegt hatte.”

Heini Weber, Altinternationaler des KSV: „Ein schönes Treffen, in dem der KSV Hessen nach einer etwas schwächeren Anlaufzeit voll da war und eine tolle Leistung bot.”

Gerd Schulenburg, der „Schwarze Mann” aus dem Norden: „Enorm, diese Kasseler. Solche Leistung habe ich von der Mannschaft nicht erwartet, daher wäre es schade gewesen, wenn die Bayern in der Verlängerung das Siegtor erzielt hätten.”

Herbert Ahlborn, Polizeipräsident von Kassel: „Nach diesem Spiel des KSV wundere ich mich, daß die Mannschaft nicht in der Bundesliga ist. Die Begegnung hatte wirklich Bundesliga-Format, und ein Kasseler Sieg wäre nicht unverdient gewesen.”

Holger Brück, gerade der erfrischenden Dusche entstiegen: „Damit haben wir selbst nicht gerechnet. Am Schluß waren wir wirklich froh, als der letzte Pfiff ertönte.”

Uwe Habedank, Spielführer des KSV: „Ein gerechtes Unentschieden. Allerdings habe ich mir die Bayern doch noch stärker vorgestellt.”

Dr. Hans Ludwig Metzger, Vorstandsmitglied und Schatzmeister: „Ich bin angenehm überrascht von der hervorragenden Leistung der Hessen, und mit ein bißchen Glück hätte es auch zu einem knappen Erfolg für uns reichen können. Doch auch mit dem Wiederholungsspiel bin ich nicht ganz unzufrieden, denn der Schatzmeister in mir freut sich schon jetzt auf eine weitere gute Kasse.”

Gerd Müller, Schütze vom Dienst der Bayern und der bundesdeutschen Nationalmannschaft, erklärte auf dem Wege zum Bus: „Das Unentschieden ist gerecht. Ein Kompliment den Hessen, daß sie so stark spielen würden, war für mich unerwartet. Ich habe sie gegen Wacker München beobachtet, und da zeigten sie damals nicht allzuviel. Mein Gegenspieler (Dittel, d. Redaktion) war gut.”

Franz Beckenbauer, schnauzbärtiges As der Bayern, war bei dem Geschubse und Gedrängel auf dem Wege zum Bayern-Bus nur zu einem Kurzkommentar zu bewegen: „Jo mei, dös Unentschieden wor grecht!”