KSV
Hessen hielt den Bayern 120 Minuten lang
stand: 2:2!
Nicht nur
die große Kulisse, das randvoll gefüllte
Auestadion mit 32 000 erwartungsfrohen,
temperamentvoll mitgehenden Menschen, sondern
auch der Kampfgeist der Kasseler Mannschaft,
die ihrem Wappentier, dem Löwen, alle
Ehre machten, erinnerte an die besten Nachkriegstage
des Kasseler Klubs. Wenn die Hessen ihren
berühmten Gegner, den ehemaligen Europacupsieger,
zweifachen deutschen Meister und viermaligen
deutschen Pokalgewinner Bayern München
bezwungen hätten, niemand hätte
es für ungerecht halten können.
Doch nach 90 Minuten stand es immer noch
2:2. 2:2 wie schon nach der 39. Minute.
Und auch nach der halbstündigen Verlängerung
war der Spielstand unverändert. Ein
großer Kampf endete wie das Hornberger
Schießen!
Das heißt: die 32
000 Zuschauer in Kassel erlebten nur des
Dramas ersten Teil. Nach den Bestimmungen
des Deutschen Fußballbundes wird das
Spiel der ersten Pokal-Hauptrunde nun im
Münchener Stadion an der Grünwalder
Straße wiederholt, und da ist die
Überlebenschance des KSV gleich Null.
Sei's drum: wer sich so geschlagen hat wie
diese 13 Burschen. der kann mit offenem
Visier auch in die entscheidende Partie
in München gegen den Spitzenreiter
der Bundesliga gehen. Was schon für
die Kasseler Partie galt, gilt nun für
München um so mehr: die Hessen haben
nichts, aber auch rein gar nichts zu verlieren!
Daß sie dort außer dem Respekt
der ob des Kasseler Resultats sicher etwas
verwunderten Münchener Fußballkenner
aber auch nichts mehr zu gewinnen haben,
sei frank und frei herausgesagt.
Was für die Bayern
eine in einigen Teilen nicht vollauf gelungene
Fußball-Exhibition war, das war für
die Hessen ein Kraftakt, auf den Trainer
Heinz Baas seine Mannschaft in völlig
richtiger Einschätzung aller Stärken
und Schwächen beider Kontrahenten goldrichtig
vorbereitet hatte. Das gilt ebenso in taktischer
wie in physischer Hinsicht. Ein Mann wie
der 33jährige Heiner Dittel dankte
es seinem „Chef”, daß
er trotz bohrender Zweifel an ihm festhielt
und ihm die Bewachung von Gerd Müller
übertrug. Großartig, wie der
Heiner mit Kraft und Elan, aber auch mit
Köpfchen und Zähigkeit seine Aufgabe
löste. Von zehn Duellen gewann Kassels
Vorstopper sieben - aber zum Schluß
blieb die Tatsache, daß Gerd Müller,
dieser langhaarige Strafraumgeist, doch
die beiden Treffer für seine Mannschaft
erzielt und sie damit vor einem vorzeitigen
„Aus” im Pokalwettbewerb bewahrt
hatte. Die fast nebensächliche Art,
wie er zweimal den Ball über die Linie
mauschelte, war typisch für den Mann,
den sie - unzutreffender geht's nimmer -
den „Bomber” nennen.
Bayerns Stärke:
das Mittelfeld
Mit der Ausschaltung eines
Gerd Müller ist jedoch nichts getan,
denn da sind noch der Brenninger und der
Mrosko an den Flügeln. Mehr Gefahr
noch als von diesen beiden kommt aus dem
Mittelfeld! Nicht in der vordersten Linie,
im Mittelfeld und in der Abwehr sind die
Bayern des Jahrgangs 1970/71 Sonderklasse.
Mal stürmt der grob schlächtige
Schwarzenbeck, mal der behende blondgelockte
Ulli Hoeness, mal wagt sich das „Mädchen
für alles” in diesem Team, der
22jährige Familienvater und Unterprimaner
(!) Zobel nach vorn, und Franz Beckenbauer
stößt so oft, wie nur irgend
möglich, aus seiner Position als letzter
Mann vor Sepp Maier in die gegnerische Hälfte
vor und darf sich dann nicht nur auf seine
Schußkraft, sondern auch auf die uneigennützigen
Domestikendienste der Mannschaftskameraden
verlassen, die dem "Kaiser Franz"
diesmal aber nicht ein einziges Mal das
Leder so servieren konnten, daß ein
Tor fiel.
Mit Beckenbauer und Schwarzenbeck
sind die Innenverteidigerposten besser besetzt
als die Positionen an der Peripherie der
Abwehrzone. Der lange Däne Johnny Hansen
bekam den Windhund Gerhard Grau nie in den
Griff, und Koppenhöfer hätte mit
Grau oder mit Kastl nicht weniger Sorgen
gehabt.
"Bulle" Roth
deutete mit einem kraftvollen Solo über
das halbe Feld gleich zum Auftakt an, daß
er diesen Spitznamen zu recht besitzt. Eine
Verletzung aus dem Mittwochabendspiel, das
die Bayern in Rotterdam gegen Sparta 3:1
gewannen, zwang ihn dann zur Zurückhaltung
und kurz nach dem Wechsel zum Austausch
gegen Breitner.
KSV bestand den
Härtetest
Die Hessen haben diesen
Härtetest gegen einen Gegner der europäischen
Spitzenklasse, der indes nur für kurze
Strecken den richtigen Rhythmus fand, glänzend
bestanden. Ohne Ausnahme. Es gab keinen
schlechten, keinen schwachen Mann, es gab
nur mehr oder weniger gute ...!
Birkhölzer reagierte
im Tor wie der Blitz, war an den Toren schuldlos.
Resenberg spielte seinen Part mit gewohnter
Zuverlässigkeit, wurde aber noch übertroffen
von Kastl, der nie einen besseren Verteidiger
gespielt hat. Mit der entschlossenen Zerstörungsarbeit
gegnerischer Aktionen war er nicht zufrieden.
Er wollte Konstruktives zur Gestaltung des
Spieles beitragen, und das ist ihm gelungen.
Seine Vorstöße brachten große
Gefahr und auch Wirkung: Kassels zweites
Tor fiel nach einem Eckball, den Kastl am
linken Flügel erzwungen hatte!
Dittels Schlüsselrolle
im Kasseler Spiel ist bereits gewürdigt.
Brück, Habedank und Weiland, die sich
neben den genannten Mannschaftskameraden
die Arbeit in der Abwehr und im Mittelfeld
teilten, wurden schwer gefordert. Es gab
„Durststrecken” im Spiel der
Hessen, in dem es so aussah, als würden
tragende Pfeiler einstürzen, welche
die Abwehrmauer zusammenhalten und stützen
mußten! Und es gab Minuten, in denen
die Kraft und die Spielkunst gegen den übermächtigen
Gegner nicht mehr ausreichten, um mehr als
nur Zerstörungsarbeit zu leisten und
sich Verschnaufpausen zu verschaffen. Um
so erstaunlicher, daß die Hessen,
die schließlich auch ihrem Beruf nachgehen,
den hochdotierten Profis bis zur letzten
der 120 Minuten auch konditionell gewachsen
waren. Uwe Habedank, der Kapitän, ein
Brück, ein Weiland stürmten zum
Schluß munter mit! Wo Resenberg durch
eine Zerrung nach 90 Minuten ausfiel, da
warf sich der 21jährige Rabeneck in
den Kampf. Wo Maciossek ausgefallen war,
da leistete Schade auf ungewohntem Posten
gute Dienste.
Grau zickzackte über
das Feld wie ein Hase, hinter dem die Meute
her ist. Hansen konnte ihn vor der Pause
auch durch ein grobes Foul nicht "bremsen".
"Gerdchen", der zu nachtschlafender
Zeit Briefe austrägt, oft auch samstags,
wenn am Mittag ein Spiel ist (!), verdaute
auch den bösen Tritt und Sturz und
war bis zum Schluß ein steter Unruheherd
für die Bajuwaren. Nicht so auffällig
und wirksam, aber mit einem Rieseneifer
und gelungenen technischen Einlagen, spielte
Gerstner. Maciossek hatte es gegen den knochigen
Schwarzenbeck von Anfang an am schwersten,
ging aber keinem Duell aus dem Wege. Reinhard
Adler verdient den Namen, den Gerd Müllers
Art, Tore zu machen, so unzutreffend kennzeichnet:
Adler ist ein Bomber! Ansatzlos drischt
er das Leder mit dem linken Spann aus beachtlicher
Entfernung auf das Tor. Diesmal, mit Aufgaben
im Mittelfeld reichlich eingedeckt, schoß
der 23jährige Studiosus nur dreimal
im ganzen Spiel. Sein erster Schuß
strich über die Latte, sein zweiter
war ein Prachttreffer, den dritten riß
Maier am Boden gerade noch an sich. 33 Prozent
scheinen uns gegen einen Torwart wie Maier
eine beachtliche Trefferquote!
Der Kurzfilm der
90 Minuten
Den ersten „Auestadion-Roar”
Aufschrei der Massen, brachte Resenbergs
Einwurf, fast einem Eckstoß vergleichbar.
Doch direkt in Maiers Armen landete der
Ball. Auf einen Weiland-Schuß reagierte
der Sepp falsch, bekam das Leder aber doch
noch sicher in den Griff. Die ständigen
Vorstöße der Münchener „zweiten
Reihe” brachten vorübergehend
Nervosität in die Kasseler Reihen.
Fehlpässe waren die Folge. Sie brachten
aber auch Birkhölzer Gelegenheit, sich
auszuzeichnen, und er tat dies mit Bravour
bei zwei Schüssen von Brenninger. Als
Maciossek seinen lästigen Bewacher
Schwarzenbeck in der 15. Minute abgehängt
hatte und halbhoch in die Mitte flankte,
flog Adlers Direktschuß knapp über
die Torlatte. Dann ging es Schlag auf Schlag:
• 20. Minute: Dittel
gewinnt Duell mit Müller im Mittelfeld,
Gerstner legt dicht vor der Strafraumgrenze
Adler den Ball mit der Hacke genau vor den
linken Schußfuß, und wie vom
Katapult geschleudert, fliegt der Ball hoch
unter das Tordach. 1:0 - das Stadion dröhnt
vom Jubel.
• 22. Minute: Ironie
des Schicksals: Adler unterläuft ein
Fehler im eigenen Strafraum, und Müller
staubt zum 1:1 ab. Aus dem glücklichsten
unter den 22 ist 120 Sekunden später
ein Häufchen Unglück geworden.
Aber das Tempo des Kampfes läßt
keine Zeit zu trüben Gedanken.
• 25. Minute: Kastls
Vorstoß endet mit einem Eckball, den
Grau mit Effet hereinzieht: Maciossek gibt
dem Ball mit dem Kopf eine andere Richtung,
und der Maier Sepp greift entsetzt ins Leere.
2:1, und vergessen ist der Patzer von eben.
Raketen scheren sich den
Teufel um Vernunft, Verbot und Bestimmungen
und künden das Ereignis - hoch über
dem Stadion verglühend - für die
Daheimgebliebenen!
Kurz vor dem erneuten
Münchener Ausgleich hatte Birkhölzer
noch Beckenbauers placierten Flachschuß
um den Pfosten dirigiert, dann war es aber
geschehen.
• 39. Minute: Fehlpaß
von Habedank im Mittelfeld, schnell fließende
Kombination Brenninger-Hoeness-Müller,
der schon in die "Gasse" in der
Kasseler Abwehr gestartet war. 2:2!
Nach 39 Minuten
keine Tore mehr
Von der 55. Minute an
hatten die Hessen ihre beste Zeit. Wer spielte
jetzt eigentlich mit wem? Eckenserien vor
Maiers Tor, Koppenhöfer rettet bei
Maciosseks Kopfball für seinen geschlagenen
Torwart auf der Linie! Blitzschneller Szenenwechsel:
Birkhölzer faustet akrobatisch einen
Kopfball Müllers im Zurückfallen
aus dem Tor heraus. Und wieder die Hessen:
Habedank bleibt nach langem Hickhack mit
drei Bayern im Ballbesitz, seine mißglückte
Vorlage bringen die Bayern nicht weit genug
weg, und Schades Flachschuß rasiert
den Torpfosten. Dann wieder Schrecksekunde
für die Hessen: aber bevor Brenninger
den Schrägschuß von Beckenbauer
an die Torlatte gelenkt hatte, war das Spiel
wegen Abseitsstellung des Linksaußen
unterbrochen.
In der Verlängerung
herrschte im Mittelfeld Leere, die Kräfte
wurden nur noch dort eingesetzt, wo die
Entscheidung fallen konnte, in den Strafräumen.
Die Bayern drängten, doch die Hessen
hatten mit steilen Gegenangriffen die noch
besseren Möglichkeiten. Als Sepp Maier
einen vertrackten Schuß von Grau über
die Latte lenkte, war die letzte und schönste
aller Möglichkeiten, dem Goliath den
Todesstoß zu verpassen, dahin. - Den
großen Kampf war Schulenburg ein ausgezeichneter
Leiter.
HNA-Sportredaktion, 14.12.1970
Alle einig im Lob
für den KSV - Stimmen zum Spiel:
Der Tenor nach dem großen
Pokalkampf im Auestadion war eindeutig:
Der KSV Hessen wurde ob seines hervorragenden
Spiels gegen die Bayern von allen Seiten
gelobt.
Heinz Baas, Trainer des
KSV Hessen: „Mein Dank gilt der Mannschaft
und dem hervorragenden Kasseler Publikum.
Es hat sich wieder einmal bewiesen, zu welcher
Leistung eine Mannschaft fähig ist,
wenn die Zuschauer so toll mitgehen. Ich
glaube, wenn es 3:2 für uns gestanden
hätte, wäre es auch ein verdienter
Ausgang gewesen. Pech natürlich die
Zerrungen von Maciossek und Resenberg. Beide
Bayern-Tore waren vermeidbar.
Udo Lattek, Trainer der
Bayern: „Eine großartige Kasseler
Mannschaft, die uns über die gesamte
Distanz durch ihre Gegenwehr den Spielrhythmus
verdarb. Letztlich bin ich heilfroh, daß
wir nicht verloren haben. Natürlich
war der Ausfall von Roth im Mittelfeld ein
Handicap für uns.”
Karl Beuermann, Präsident
des KSV Hessen: „Ein großartiges
Spiel! In der ersten Hälfte hatte unsere
Mannschaft noch zuviel Achtung vor dem großen
Gegner. Dann bewies sie, daß sie an
diesem Tage durchaus gleichwertig war.”
Dr. Max Danz, geschäftsführender
Präsident des NOK: „Ein großartiges
Spiel beider Mannschaften. Zwei wunderschöne
Tore der Hessen und zwei vermeidbare des
Gegners. Begeistert hat mich vor allem die
zweite Hälfte, als der KSV seine Nervosität
abgelegt hatte.”
Heini Weber, Altinternationaler
des KSV: „Ein schönes Treffen,
in dem der KSV Hessen nach einer etwas schwächeren
Anlaufzeit voll da war und eine tolle Leistung
bot.”
Gerd Schulenburg, der
„Schwarze Mann” aus dem Norden:
„Enorm, diese Kasseler. Solche Leistung
habe ich von der Mannschaft nicht erwartet,
daher wäre es schade gewesen, wenn
die Bayern in der Verlängerung das
Siegtor erzielt hätten.”
Herbert Ahlborn, Polizeipräsident
von Kassel: „Nach diesem Spiel des
KSV wundere ich mich, daß die Mannschaft
nicht in der Bundesliga ist. Die Begegnung
hatte wirklich Bundesliga-Format, und ein
Kasseler Sieg wäre nicht unverdient
gewesen.”
Holger Brück, gerade
der erfrischenden Dusche entstiegen: „Damit
haben wir selbst nicht gerechnet. Am Schluß
waren wir wirklich froh, als der letzte
Pfiff ertönte.”
Uwe Habedank, Spielführer
des KSV: „Ein gerechtes Unentschieden.
Allerdings habe ich mir die Bayern doch
noch stärker vorgestellt.”
Dr. Hans Ludwig Metzger,
Vorstandsmitglied und Schatzmeister: „Ich
bin angenehm überrascht von der hervorragenden
Leistung der Hessen, und mit ein bißchen
Glück hätte es auch zu einem knappen
Erfolg für uns reichen können.
Doch auch mit dem Wiederholungsspiel bin
ich nicht ganz unzufrieden, denn der Schatzmeister
in mir freut sich schon jetzt auf eine weitere
gute Kasse.”
Gerd Müller, Schütze
vom Dienst der Bayern und der bundesdeutschen
Nationalmannschaft, erklärte auf dem
Wege zum Bus: „Das Unentschieden ist
gerecht. Ein Kompliment den Hessen, daß
sie so stark spielen würden, war für
mich unerwartet. Ich habe sie gegen Wacker
München beobachtet, und da zeigten
sie damals nicht allzuviel. Mein Gegenspieler
(Dittel, d. Redaktion) war gut.”
Franz Beckenbauer, schnauzbärtiges
As der Bayern, war bei dem Geschubse und
Gedrängel auf dem Wege zum Bayern-Bus
nur zu einem Kurzkommentar zu bewegen: „Jo
mei, dös Unentschieden wor grecht!”