Die Bayern wie
begossene Pudel
Die erste Mannschaft
des KSV Hessen Kassel besiegt die erste
Mannschaft des FC Bayern München
mit 6:1. Gibt’s nicht? Nun, heute
zugegebenermaßen schwer vorstellbar.
Vielleicht bestenfalls bei einem Zock
auf der Play-Station. Gab es aber schon
mal im richtigen Leben. Genau gesagt im
DFB-Pokal.
Wir schreiben den 9.
Februar 1964. Beide Teams kicken in der
Zweitklassigkeit und der FC Bayern ist
noch ein ganz normaler Verein. Rekordmeister
ist der 1. FC Nürnberg mit acht Titeln,
der FC Bayern hat gerade mal eine Meisterschaft
von 1932 auf dem Briefkopf stehen. Kurzum:
die Bayern verströmen soviel Glanz,
wie heute, 41 Jahre später, vielleicht
der Karlsruher SC oder der 1. FC Saarbrücken.
Insofern verwundert es nicht, dass die
Hessischen Nachrichten recht emotionslos
titeln: "KSV schlägt Bayern
München 6:1 und bleibt weiter im
Pokal". Auch die Zuschauerkulisse
deutet nicht auf einen Straßenfeger
hin. Aber das liegt auch am Wetter. "9.000
Zuschauer und halb so viel Regenschirme",
zählte die Tageszeitung. Der Rasen
im Auestadion ist als solcher nicht mehr
zu bezeichnen. Matsch, Morast, Pfützen
- der Ball rollt maximal drei Meter, bevor
er in einer Schlammkuhle liegen bleibt.
Dennoch pfeift der Mannheimer Schiedsrichter
Siebert die Partie an.
Nach vier Minuten der
erste Nackenschlag für die ganz in
Rot spielenden Bayern. Nach einem Zuspiel
von Rolf Fritzsche donnert Ernst Kuster
den Ball aus drei Metern in die Maschen.
1:0 für die Löwen. Dann vier
Minuten später Nackenschlag Nummer
zwei. Der Nationalspieler Herbert Erhard
bleibt nach einem Zweikampf verletzt liegen
und muss raus. Auswechslungen gab es Anno
1964 noch nicht. Bayern also nur noch
zu zehnt. Und diese zehn Bayern werden
vom KSV nach allen Regeln der Kunst auseinander
genommen. 2:0 durch Peter Jendrosch in
der 35., 3:0 durch Kuster in der 43. Die
durchnäßten Zuschauer haben
trotz kalter Füße ihren Spaß
am Spiel. Auch der Anschlusstreffer von
Brenninger kurz nach der Pause ändert
nichts an der Gaudi.
Es wird immer dunkler
und ungemütlicher an diesem nassen
Februar-Tag. Und ungemütlicher wird
es auch für die Bayern. Gerd Becker
zieht in der 50. Minute einfach mal aus
18 Metern ab - ein tolles Tor zum 4:1.
Horst Assmy (65.) und Peter Jendrosch
zwei Minuten vor Schluß machen das
Debakel für den FCB perfekt. "Wenn
Krieg verloren, General schuld",
radebrecht Bayern-Trainer Tschik Cajkovski
mit traurigen Augen nach dem Spiel. "Kleines,
dickes Müller" spielte 1964
noch in der A-Jugend und konnte Tschik
in diesem Spiel nicht helfen.
Oliver Zehe (Hessenlöwe,
12.08.2005)