Allein sieben Lattenschüsse
Nur zehn Zentimeter hätten
die Torlatten im Auestadion über das
normale Maß hinausgehen müssen
und ein KSV-Sieg wäre am Platz geblieben.
Denn siebenmal krachten die Geschosse der
Schmied, Hutfles, Metzner und Grabsch unter,
gegen oder vor das den Einschuß sperrende
Lattenkreuz. Zu allem Überfluß
stand auch einem Metzner-Nachschuß
noch der Pfosten im Wege. So blieb es bei
dem einen Hessen-Treffer, den der nach vorn
geeilte Hutfles in alter Meisterschaft ins
Netz nickte. Da aber die Gäste durch
eine Tor-Doublette des fülligen, aber
fleißigen und schnellen Weigel vorher
klar in Front gegangen waren, nahmen sie
auch zwei Punkte mit nach Bayern und schlossen
damit die Serie mit einem Erfolg im Kasseler
Auestadion ab, in dem sich 2000 Zuschauer
verloren und nur zeitweilig Anregung fanden,
die eigene Elf anzufeuern.
Denn sie sahen keine Fußball-Delikatesse
nicht einmal gut gebotene Hausmannskost,
sondern schmeckten eine Suppe ohne Salz;
Gulasch ohne Paprika. Obwohl es zunächst
so aussah, als würde Grabsch nach einem
Slalomlauf vom Mittelanstoß bis zum
gegnerischen Tor das Gericht mit einer ordentlichen
Prise Pfeffer würzen.
Elfmeter-Auftakt
Doch dem einschußbereiten
Grabsch zogen die eisenharten Mannen aus
Bayern die Beine weg. Der von Schmied scharf
geschossene Elfmeterball sauste unter die
Latte, setzte mit Effet auf der Torlinie
auf, rollte unendlich langsam in den Strafraum
zurück und dann beförderte der
riesige, langbeinige Stopper Hörath
das Leder aus der Gefahrenzone.
Nach diesem knalligen
Auftakt schleppte sich das Spiel mühsam
hin. Die Hessen lahmten am rechten Flügel,
aber auch beide Innenstürmer versetzten
keine Berge. Pilz war wie beim Spiel gegen
Bayern München bei einem messerscharf
deckenden Mittelläufer gut aufgehoben,
Grabsch ließ seinem Eigensinn freie
Bahn. Michel gab nach gutem Start nach und
Vollmer hatte auch nicht seinen einsatzfreudigsten
Tag. Das Hessen-Stürmchen säuselte
- mehr nicht. Doch auch die Bayern-Stürmer
schienen von den meisten guten Fußballgeistern
verlassen.
Urplötzlich:
Weigel-Tore
So ging es torlos in die
Pause: die zweite Halbzeit begann ruhig
und dann knallte ganz plötzlich der
ungedeckte Weigel einmal von links und dann
von rechts dem zu spät reagierenden
Schubert zwei Treffer ins Netz,
„Schmied
und Hutfles an die Front", alarmierte
Trainer Carl vom Spielfeldrand. Michel ging
ins Abwehrzentrum, Pilz in Verteidigerstellung
und endlich kam mehr Schwung in die Angriffe.
Nach einer Eckenserie glückte Hutfles
der Anschlußtreffer, wenige Minuten
später köpfte er einen weiteren
Eckball an die Latte. Den Metzner-Nachschuß
aus nächster Nähe hielt - der
Pfosten.
Der Bayern-Sieg war nicht
unverdient. Die Mannschaft spielte kampfkräftiger,
brachte einen gut harmonierenden Innensturm
aufs Feld - der aber nicht schießen
konnte - und hatte in Dorn einen guten Aufbauläufer.
Überragend (nicht nur an Körpergröße)
Mittelläufer Hörath.
Die Hessen wirkten ausgepumpt.
Lediglich Hutfles und Deeg fanden ihre Form.
Warum der zweifache Torschütze Weigel
allerdings zweimal völlig ungedeckt
stand, dürfte auch der KSV-Abwehr kein
Rätsel sein. Denn sie spielte manchmal
sträflich offen. Immerhin: es war das
letzte Spiel, und nichts mehr drin.
Die schönsten Szenen:
(10.) Pilz allein vor dem Tor, Winterling
irrt im Strafraum herum, läuft mit
dem Hessen-Mittelstürmer bis zur rechten
Eckfahne, hält Schulz am Bein fest.
Den Freistoß jagt Gala gegen den Pfosten.
(12.) Schubert rettet vor Winterstein. (22.)
Grabsch nicht zu bremsen, der ausflugsfreudige
Winterling läuft mit ihm zur linken
Eckfahne, Grabsch gibt eine flache Flanke,
aber der Hessen-Sturm „schwimmt”.
Niemand nimmt den Ball auf. (31.) Schneller
Volmar schießt von links - abgewehrt.
(36.) Pilz löst sich (einmal) vom Bewacher,
flankt, aber wieder ist niemand mitgelaufen.
Der Hinterhaltsschuß Michels geht
am Tor vorbei. (61.) Pilz köpft am
Tor vorbei. (73.) Metzners Schuß kracht
von unten gegen die Latte, Ball springt
in den Strafraum. (78.) Hutfles köpft,
trifft das Lattenkreuz.
Quelle: Hessische Nachrichten
vom 03.06.1957