Buchholz-Paraden
und 3 feine Tore
Die Abschiedsvorstellung
der Hessen für die Serie 55/56 vor
heimischem Publikum war eine Kopie des Spiels
gegen Hanau: Nur mit dem einen Unterschied,
daß man diesmal die Tore nicht an
den Anfang, sondern hübsch um die Halbzeit
herumgruppierte. Alles übrige - wie
gehabt. Die hochsommerliche Hitze über
dem Auestadion tat ein übriges, Tempo
und Einsatzfreude zu drosseln und beeinflußte
außerdem sichtlich die Sorgfalt des
Paß- und Kombinationsspiels. Als absolute
Höhepunkte ragten auch diesmal die
drei Tore aus durchweg nur mittelmäßigen
Leistungen heraus. Doch wir wollen nicht
zu viel verlangen: die Serie ist "gelaufen".
Nimmt es Wunder, daß die Spieler sich
kein "Bein mehr ausreißen"?
Einer allerdings hechtete
mit Vehemenz und Bravour durch seinen Torraum,
als ob es um die Deutsche Meisterschaft
ginge: Buchholz! Er hielt fehlerlos, reaktionsschnell
und verblüffend griffsicher.
Es tat zu Anfang aber auch
nötig, denn die Karlsruher preschten
wie 100-m-Läufer aus den Startlöchern.
Die flinken Außen,
der wendige Läufer, der alte Fuchs
Ehrmann (auch mit schütterem Haar ist
er am Ball noch immer reine Klasse) attackierten
mit verblüffender Energie und viel
Kombinationswitz. Buchholz erhielt sofort
Schwerarbeit. Er erledigte sie souverän.
Auch Trott und Knothe waren sofort im Bilde
- der KFV-Ansturm zerschellte.
Wende, als Ehrmann mit
schmerzverzerrtem Gesicht (Handstauchung)
für 6 Minuten vom Platz mußte:
Schmieds von der Torauslinie bildschön
zurückgezogene Flanke rammte Dinger
in vollem Lauf unter Eglin ins Netz: 1:0
für die Hessen und deutlicher Auftrieb.
Fünf turbulente
Minuten
Steigerung bis zur Halbzeit
mit absoluten Höhepunkten in den letzten
fünf Minuten vor dem Pausenpfiff. Binnen
fünf Minuten notierten wir:
Schmied-Fallrückzieher
von Ehrmann II auf der Torlinie gestoppt,
Schmied-Flachbombe kann Eglin nicht festhalten.
Schulz donnert den Nachschuß aus 5
Metern an der langen Ecke vorbei, Schmied-Schrägschuß
kann Eglin nur fausten, Dingers anschließende
unhaltbare Volley-Bombe stoppt Held mit
der Hand: Elfmeter! Der "Seppi"
will endlich sein Tor: halbloch jagd Schmied
den Strafstoß in die rechts Ecke:
2:0. - Und noch eine, die größte
Hessen-Chance: Grabsch und Dinger frei vor
Eglin - doch Eberhard tippt dem KFV-Schlußmann
das Leder genau in den Schoß. - Pausenpfiff.
KFV-Abwehr stand
wie Salzsäulen
Groteske um das dritte
Hessen-Tor: Schmied flankt parallel zur
Torlinie über Eglin hinweg, Grabsch
holt das Leder mit Rückzieher ins Spielfeld,
Metzner vor die Füße - und "Gala"
setzt das Leder völlig ungeschoren
mit Seelenruhe in die lange Ecke.
Die Karlsruher standen
wie die Salzsäulen. Sie hatten einen
Abseitspfiff erwartet, aber völlig
übersehen, daß Grabsch und auch
Dinger sich geistesgegenwärtig durch
Überschreiten der Torlinie selbst aus
dem Spiel gebracht hatten.
Mit diesem Tor war das
Rennen gelaufen. Noch einmal stand Grabsch
allein vor Eglin, diesmal stieg das Leder
hoch in den sommerlichen Himmel - dann waren
Spieler und Zuschauer froh, als der Schlußpfiff
ertönte. Deshalb sei bitte auch verziehen,
daß wir den kritischen Maßstab
beiseite liegen lassen. Die Hessen gewannen
durchaus verdient - und das war doch die
Hauptsache.
Ullrich Braun (Hessische
Nachrichten vom 07.05.1956)