Hessen begannen
wie die Himmelstürmer
Der Kummer gewohnte Stammplatz-Besitzer
auf der Auestadion-Tribüne sollte recht
behalten mit seiner ärgerlich-bissigen
Bemerkung, als er sich mit zehnminütiger
Verspätung neben seine Freunde schob:
"Na, da sehe ich ja nur noch ein Hanauer
Tor." Genauso kam es! - Die Hessen
hatten alle Proben ihrer Kombinations- und
Schießkunst in die ersten zehn Minuten
des Spiels gepackt. Was es dabei zu sehen
gab, entfesselte überschäumende
Wogen der Begeisterung und des Jubels. Zwei
Prachttore, in Vorbereitung und Vollendung
makellos wie ein 18karätiger Diamant,
schienen den Hanauern eine Katastrophe anzukündigen.
Aber es schien nur so. Noch eine Volley-Bombe
von Grabsch, die Hanaus Schlußmann
allerdings genau auf den Leib knallte -
dann war es aus. Von Minute zu Minute mehr
verflachte das Spiel in systemloser Kickerei
und erholten sich die Hanauer immer sichtbarer
von den Keulenschlägen der beiden Tore.
Die zweite Halbzeit brachte ein nahezu ausgeglichenes
Spiel, aber die Tore fielen nicht mehr,
so erfreulich oft auch die Hessen das Schußbein
noch schwangen.
Mit unverdrossenem Schießen
allein war jedoch dieses Spiel nicht zu
gewinnen. Dafür verstand der graßgrüne
Henß im Gästetor zu viel von
der Kunst des richtigen Stellungsspiels.
Ob Dinger sich versuchte (und einmal auch
eine "Fackel" alten Kalibers richtig
unter die Latte visierte), Schmied und Grabsch
durch schmale Lücken in der Hanauer
Abwehr hindurchspitzelten, Metzner volley
schoß Henß stand immer richtig.
Großartiger
Auftakt
Wie es gemacht werden mußte,
hatten die Hessen selbst in diesen sensationellen
Anfangsminuten vorexerziert. Flankenläufe
von Grabsch und Schulz, sauberes Hereinheben
des Balles zur Mitte, dort spritzten Dinger
bzw. Schmied hinzu - Tor!
Später sah man ähnliches
leider nicht mehr. Schulz spielte am rechten
Flügel Stiefkind (dabei hatte er den
wesentlich schwächeren Verteidiger
gegen sich!) und Grabsch wurde von dem eisernen
Fischer immer wieder zur Mitte abgedrängt.
Dort fummelte aber Dinger viel zu lange
mit dem Ball, dort verhäkelten sich
Schmied und Metzner in allzu engen Kombinationsversuchen,
die nachdrängenden Michel und Deeg
haben auch schon besser abgespielt - die
Minuten verrannen.
Ein Glück, daß
auch die Hanauer keine Bäume ausreißen.
Der kleine Sievers war ihr bester Mann,
aber auch er konnte seine Kameraden nicht
zu einer geschlosseneren Leistung als die
des Hessen-Sturms beflügeln.
Buchholz geriet einige
Male in Schwierigkeiten, zweimal verfehlte
er beispielsweise blitzsaubere Flanken,
dafür waren Knothe und der wieder verläßlich
stoppende Trott zur Stelle und beförderten
den Ball aus dem Gefahrenbereich.
Aus der diesmal sechzig
Minuten dauernden Schlußphase ragten
allein noch das bemerkenswert schnelle Tempo
des Spiels und eine "Meisterprüfung"
von Henß heraus.
Binnen eine Minute faustete
er eine Dinger-Fernbombe aus dem Dreieck,
wehrte einen Grabsch-"Abstauber"
reaktionsschnell mit dem Fuß ab und
erhechtete sich beifalls-unterstützt
auch noch den besten Schuß von Seppl
Schmied.
Schiedsrichter Rodenhausen
pfiff ordentlich.
Ullrich Braun (Hessische
Nachrichten vom 30.04.1956)