Alle Schwächen
wurden aufgedeckt
Das Straubinger Spiel
war schon ein tiefer, tiefer Absturz der
Hessen, aber es blieb wenigstens ein Punkt
noch im Lande. Diesmal gingen gleich beide
Zähler mit den Gästen. Es war
unfaßlich und tat körperlich
regelrecht weh, was die Hessen-Elf in den
90 Minuten gegen die Waldhöfer im Auestadion
zeigte - oder besser: nicht zeigte. Mit
geradezu brutaler Schonungslosigkeit legte
dieses Spiel alle Schwächen der Mannschaft
bloß: Die Abwehr besitzt noch nicht
das notwendige Verständnis untereinander
(das entscheidende Tor bereits in der 4.
Minute geht auf ein krasses Mißverständnis
zwischen Buchholz und Deeg zurück),
und der Sturm hat nicht genug Stürmer.
Außerdem ist ihm jedes Gefühl
für Kombinationseffekte und taktische
Schachzüge verloren gegangen.
Ein einziges Mal
...
Ein einziges Mal - und
gleich als Antwort auf das Waldhöfer
Tor - blitzte echte Klasse in einem Angriffszug
der Hessen auf: als Hellwig dem spurtenden
Metzner einen Paß so millimetergenau
in die Füße legte, daß
"Gala" nur noch abzufeuern brauchte.
Pech, daß der Gewaltschuß Lennert
direkt auf den Leib knallte.
Ist es nicht bezeichnend,
daß der Reporter eine solche Paßfolge
in seinen Notizen festhält und sogar
mit einem Ausrufungszeichen versieht?
Es veranschaulicht deutlich,
wie erschreckend die spielerische Linie
des Angriffs auseinandergeflattert ist.
Die einzelnen Stücke wieder zusammenzusuchen
und zu kitten, wird schwere, schwere Arbeit
sein.
Durch eine Verletzung Schmieds
bedingt, mußte der junge Casselmann
den Linksaußenposten übernehmen.
Eine Notlösung schon auf dem Papier,
eine solche auch auf dem Feld. Ihm und auch
Schulz, der mit Metzner den Platz getauscht
hatte, gelang so ziemlich alles daneben.
Diese Feststellung klingt hart, sie sollte
aber diese veranlagten Jungen nur noch zu
intensiverem Training (Ballschule!) veranlassen.
Übrig blieben also
nur noch Metzner, Hellwig und Grabsch. Und
diese drei konnten es diesmal allein nicht
schaffen.
Denn die schmächtigen
Burschen in der Waldhöfer Verteidigung
erwiesen sich als ungemein clevere, selbstbewußte
und energische Abwehr-Strategen, die auch
nicht die kleinste Lücke offen ließen,
in die die Hessen aussichtsvoll hätten
stoßen können. Voran der fast
zierliche Leutwein als Stopper und Leskau,
in dem Grabsch einen an Härte durchaus
ebenbürtigen Gegner antraf.
Das 0:1 der Waldhöfer,
das berets die Entscheidung sein sollte,
wirkte wie eine eiskalte Dusche. Lipponer
trat einen Freistoß von der Mittellinie
(!) auf den Elfmeterpunkt, Buchholz eilte
aus dem Tor (warum?), blieb aber an Deeg
hängen, der zusammen mit dem Waldhöfer
Lehn hochstieg, und von Lehns Scheitel trudelte
der Ball unaufhaltsam über die Torlinie.
Was danach kam, war bis
zur Pause noch offenes Feldspiel, allerdings
bereits mit deutlichen Vorteilen für
die Hessen, nach dem Wechsel dann in gesteigertem
Tempo ein beinahe pausenloser Verzweiflungssturm
der Hessen, wenigstens noch ein Unentschieden
herauszuholen.
Aber die Waldhöfer
Abwehrmauer war nicht aufzubrechen. Weder
durch Hellwigsche Freistöße noch
durch Metzner-Flankenläufe und feine
Schrägschüsse, noch durch Grabschs
"Tank-Arbeit" oder durch die gutgemeinten,
aber völlig unsinnigen Fernschüsse
des im übrigen wieder mit altem Aktionsradius
über das Feld stampfenden Dinger. -
Es blieb bei dieser seit Jahren schmerzhaftesten
Heim-Niederlage.
Schiedsrichter Reuß
war in der ersten Halbzeit ausgezeichnet,
nach dem Wechsel pfiff er manchmal, aber
nicht gravierend daneben. Im ganzen war
er besser, als das maßlos enttäuschte
Publikum es wahrhaben wollte.
Quelle: Hessische Nachrichten
vom 26.09.1955