Kein Ruhmesblatt
Eisiges Schweigen lag
über den 6000 im Auestadion, als Fiershauser
abpfiff. Diese letzte halbe Stunde der Hessen
nach dem 2:2 der Straubinger hatte auch
dem unerschütterlichsten unter den
lautstarken Stimmungsmachern die Sprache
verschlagen. Es war auch wirklich eine einzige
Katastrophe. Wir können uns nicht entsinnen,
daß die Hessen jemals aus der Ebene
ansprechenden Teamworks in einen solch spielerischen
Abrund gestürzt sind, wie er in diesem
Spiel so unerklärlich wie erschreckend
tief aufbrach.
Nach der ebenso unnötigen
wie verständlicherweise deprimierenden
Ausgleich der Straubinger zerissen auch
die letzten der bislang sowieso schon recht
schütteren Kombinationsfäden.
Diese waren aber immerhin noch stark genug
gewesen, die Straubinger fast während
der ganzen ersten Halbzeit in ihrem Tatendrang
erheblich einzuschnüren. Was dann kam,
ist kaum zu beschreiben.
Allgemeine Kopflosigkeit
griff wie eine Seuche um sich und erfaßte
alle, aber auch alle. In der ganzen letzten
halben Stunde bekam die Mannschaft nicht
einen einzigen gescheiten Angriff mehr zusammen!
Verschiedene Umstellungen
(Hutfles und Dinger nach vorn!) waren letzte
Verzweifelungsakte und zugleich sinnfälliger
Ausdruck der Rat- und Hilflosigkeit, die
die Hessen befallen hatte.
Wie es dazu kam? - Der
Chronist kann die einzelnen Stationen aufzeichnen,
aber eine Erklärung hat auch er nicht
zur Hand.
Es hatte so gut
begonnen
Es hatte zwar nicht in
überwältigendem, aber doch ansprechendem
Stil ausgesprochen gut für die Hessen
begonnen. Schulz schmetterte eine Bilderbuch-Flanke
des von Dinger glänzend eingesetzten
Schmied mit Vehemenz per Kopf ins Netz und
Müller feuerte eiskalt den Elfmeter
(nach klarem Foul von Boxleiter an Metzner)
zum 2:0 an Aumeier vorbei. In dieser Zeit
zeichnete sich die gesamte Elf durch Spielfreude
und zügigen Angriffsgeist aus. Auch
Michel gelang einiges recht nett, wiewohl
er die vor allem später so bitter vermißten,
ordnenden Füße Hellwigs nie vergessen
machen konnte.
Der erste Knacks
beim 2:1
Alles war wohlgemut und
voller Zuversicht, entscheidende Fehler
waren nicht geschehen - ausgerechnet der
erste führte zum 2:1. Wie ein Konterschlag
auf das Elfmeter-2:0.
Schulz und Müller
säbelten - allerdings getäuscht
- über den Ball und der schnelle Ernst
lenkte das Leder unerreichbar für den
wieder zuverlässigen Buchholz ins Netz.
Hier gab es den ersten
deutlichen Knacks. Die zweite Halbzeit offenbarte
es sehr schnell. Die Läuferreihe geriet
ins Schwimmen und als Dinger völlig
unnötig den Ball zu Buchholz zurükführen
wollte, war der aufmerksame Straubinger
Linksaußen schnell zur Stelle: 2:2.
Der Rest war offene Panik bei den Hessen,
während Straubing den einen, wohl selbst
nicht erwarteten Punkt sicher über
die Zeit rettete. Allen voran Aumeier, der
ohne Effekthascherei seinen Strafraum meisterhaft
beherrschte. - Ecken 10:0 für die Hessen!
Bei den Gästen zeichneten
sich neben Aumeier besonders noch der "Terrier"
Pollock, Murr und die beiden Flitzer an
den Flügeln aus. Bei den Hessen darf
man allein dem Schlußdreieck gleiche
Form bis zum Schluß bescheinigen.
Selbst ein Metzner konnte nur tatenlos zusehen,
wie alle Felle davonschwammen.
Drittes Tor war
regulär
Hat es noch Zweck, über
das dritte Tor der Hessen zu hadern, das
Schulz kurz nach dem 1:0 nach blendendem
Solo über das halbe Spielfeld erzielte,
das aber von dem wieder sehr, sehr umstrittenen
Fiershauser in völlig unverständlicher
Ignorierung der Vorteilsregel nicht anerkannt
wurde? - Gewiß, es war ein einwandfreies
Tor. Aber die Hessen hätten davon noch
mindestens zwei schießen können
und müssen!
Quelle: Hessische Nachrichten
vom 12.09.1955